Warum der Stern allein nicht genügt 

Sindelfingen kann sich glücklich schätzen: mit dem Namen der Stadt ist die Marke Mercedes aufs Engste verknüpft, eine Marke der es wahrhaft nicht an Glanz fehlt. „Darauf sind wir stolz“ – dieser Spruch prangt mit dem Foto des neuen S-Klasse-Coupés und einer Gruppe von Mercedes-Mitarbeitern derzeit als Riesenplakat an einem Bau des Sindelfinger Mercedes-Werks.  Ja, man darf stolz sein auf die tollen Autos, die hier entstehen.

Jeder einzelne Arbeitsplatz, den Daimler in Sindelfingen schafft und erhält, kommt über die Gewerbesteuer letztlich allen Bürgern zugute. Doch diese hohen Steuerzahlungen sind ein süßes Gift. Allzu viel ist in der Vergangenheit angeschafft worden, was heute hohe Folgekosten verursacht und den Handlungsspielraum einschränkt.

Dazu kommt, dass man nicht weiß, wie lange und wie umfangreich die Millionen noch fließen. Die Daimler AG ist ein global tätiges Unternehmen mit einer internationalen Aktionärsstruktur. Die Strategie lautet ausdrücklich, die Produktion mit der Zeit immer stärker dorthin zu verlagern, wo die Autos auch verkauft werden – also etwa in China oder in Nordamerika. Denken wir daran: die neue C-Klasse, die in diesen Wochen auf den Markt kommt, wird eben nicht mehr in Sindelfingen produziert, sondern zu einem erheblichen Teil im Dollar-Raum. (Über den Aufschrei nach dem entsprechenden Beschluss habe ich 2009 in der FAZ einen großen Artikel geschrieben: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/sindelfingen-die-stadt-und-ihr-stern-1895582-p3.html

Es ist durchaus sinnvoll, ein gutes Verhältnis zu so einem wichtigen Arbeitgeber und Steuerzahler zu pflegen. Es ist aber mindestens genau so wichtig, dafür zu sorgen, dass andere Unternehmen für einen Ausgleich sorgen, wenn Daimler einmal schwächelt.

Hier hat Sindelfingen eindeutig Nachholbedarf. Die Willkommenskultur für neue Unternehmen und Firmengründer lässt sehr zu wünschen übrig, wie ich aus unmittelbarer Nähe erfahren musste. Dabei weiß man, dass Vernetzung ein Treibsatz für gute Geschäfte ist.  Sindelfingen braucht dabei nur auf die Hulb zu schauen und zu beobachten, wie das Softwarezentrum wächst und gedeiht. Das muss man ja nicht kopieren, aber als Vorbild nehmen.

Wie wäre es zum Beispiel, wenn die alte Weberstadt  Sindelfingen sich stärker als  Textil- und Modestadt profiliert? Die Häuser der Konfektion könnten dann Ankerpunkt für Neugründungen in diesem Bereich sein.Oder wir schauen statt in die Historie in die Zukunft: die Digitalisierung der Welt stellt so manches Geschäftsmodell auf die Probe, während ganz neue Dienstleistungen zur Goldgrube werden. Die  Ideen dafür entstehen tendenziell nicht in den großen Konzernen, eher schon in den berühmten Garagen… oder vielleicht im Wohnzimmer der Oma.  Ich finde: man sollte den „Spinnern“ Raum geben, damit ihre Ideen reifen können. Ein Gründerzentrum ist immer eine  Keimzelle für die Wirtschaft von morgen.  Dann könnte das Google von übermorgen vielleicht aus Sindelfingen kommen, oder der Autopilot, oder der Einkaufsroboter, oder… -preu-


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