Bäder-Informationsfahrt des Gemeinderats am 3. und 4.3.2016.

Das Sindelfinger Badezentrum ist runde 40 Jahre alt und inzwischen erheblich sanierungsbedürftig. Etwa 9 Millionen Euro sind zu investieren, wenn man es weiter betreiben will. Aber unverändert wird der Bade- und Sportbetrieb auch danach nie kostendeckend sein können, mit bis zu zwei Millionen Zuschussbedarf muss man jährlich rechnen.

Nach derartigen unerlässlicher Aufwendungen würde die Anlage wieder dem heutigen Angebot entsprechen. Das wird in der gegenwärtigen Planungsphase als „Szenario 1“ bezeichnet. Heutige und künftige Nutzer wünschen sich allerdings längst zusätzliche Elemente eines Spaßbades und andererseits auch mehr Einrichtungen für Gesundheit und Fitness.

In einem entsprechenden „Szenario 2“ gerät der Betreiber, also in unserem Falle die Stadt Sindelfingen in eine Kostenspirale. Soll die Attraktivität des Bades steigen, muss aus Rentabilitätsgründen auch die Besucherzahl deutlich größer werden, denn dann steigen neben dem Investitionsbedarf auch die Betriebskosten und die Abschreibungen.

Sinsheim Thermen- und Badewelt: Palmenparadies

Sinsheim Thermen- und Badewelt:
Palmenparadies

 

In Köln war das Agrippa-Bad ein interessantes und sehr lehrreiches Beispiel. Obwohl man dort durch das Denkmalamt und den Platzmangel der Innenstadtlage stark eingeengt war, hat man eine beachtliche moderne Vielfalt geschaffen, allerdings mit Investitionskosten im oberen zweistelligen Millionenbereich und einer Erhöhung des Abmangels auf rund drei Millionen.

„Szenario 3“

Es gilt, ein „drittes Szenario“ zu erwägen, eine sogenannte große Lösung. Gemeinsam mit einem Investor würde die Stadt dabei zum Unternehmer (ein sogenanntes PPP-Model = Privat-Publik-Partnership). Die Stadt als der „öffentliche Partner“ bringt dann das Gelände ein und die schon vorhandenen Einrichtungen, soweit sie noch nutzbar sind, und sie zahlt jährlich den gleichen Betriebskostenzuschuss in das Unternehmen ein, der auch heute nötig ist, um die gewaltige Finanzierungslücke zwischen den Eintrittserlösen einerseits und den Unterhaltungskosten des Badebetriebes andererseits auszugleichen. Dadurch wird gerechtfertigt, dass die für die Öffentlichkeit wichtigen, aber kostenträchtigen Belange des Sport-, Übungs- und Schulbetriebes in bewährtem Ausmaß aufrechterhalten werden. Zwei Beispiele wurden besichtigt: die Thermen- und Badewelten in Sinsheim und in Euskirchen.

Der „private Partner“ hat die Rolle des Investors, also des Geldgebers und die des Betreibers. Er erhält einen vertraglich exakt geregelten Rahmen, in dem er sein Kapital so einsetzen kann. dass neben einer lohnenden Rendite auch die Sanierungskosten für die öffentlich genutzten Sportanlagen und die Abschreibungen für den Gesamtbetrieb sowie natürlich auch dessen Betriebskosten erwirtschaftet werden können.

Hinsichtlich der Nutzer der Anlagen in diesem „Szenario 3“ ergibt sich ein Spagat. Der bisherige Besucher aus unserer Stadt und deren Umgebung will im Schnitt nur drei Stunden bleiben und allenfalls eine Limo und ein Eis für die Kinder konsumieren. Mit seinem Eintrittspreis von wenig mehr als 4 Euro hinterlässt er eine beachtliche Kostenlücke. Lohnend für den Investor wird das Unternehmen nur, wenn täglich mehrere tausend (!) Kunden kommen, die deutlich länger als drei Stunden verweilen, die Sauna- , Massage- und Wellness-Leistungen nachfragen und dann auch noch reichlich Hochpreisiges verzehren. Einzugsbereich daher mehr als 100 km.

Diese Gäste suchen Komfort, Ruhe und Erholung und sind jedenfalls nicht zufrieden, wenn Kinder herumtollen, schreien, Wasser spritzen oder gar Ball spielen wollen. Entsprechend beschränken moderne Einrichtungen der Wund-Gruppe, die wir besichtigten, in weiten Bereichen den Zutritt auf älter als 16 Jahre. Weit mehr als 1.000 Komfort-Liegen sind um die Wasserflächen oder Palmen gruppiert und mit je einer Leselampe ausgestattet

OB Dr. Vöhringer und Hasso Bubolz

OB Dr. Vöhringer und Hasso Bubolz

Die Hälfte der Fläche ist überhaupt als textilfrei ausgewiesen. Dazwischen einfallsreiche Sauna- und Thermenbereiche, in denen verschiedenste Anwendungen wie Dampfbäder, Massagen von bis zu 90- minütiger Dauer mit allen erdenklichen Düften und Ölen, aber auch kulinarische Highlights genossen werden können. Auch die großen spiegelnden Wasserflächen mit etwa 60 Plätzen an den Poolbars vertragen keine spielenden Kinder. Öffnung meist bis 23:00 oder 24:00 Uhr, gelegentlich ausgesuchte Events. Hotels in der Umgebung bieten Übernachtungen und mehrtägige Erholungs-Arrangements an.

Natürlich gibt es auch ein Sportbecken, oft ausgefeilte Fitnessangebote und einen Familientag. Alles ist sorgfältig gemäß der Nachfrage austariert. Aber damit die treuen Gäste unseres heutigen Badezentrums auch weiterhin den gewohnten Service bekommen, müssen die Verträge zwischen dem öffentlichen und dem privaten Partner sehr umsichtig und genau durchdacht und ausgehandelt werden. Dass davon der Erfolg des ganzen Projektes unweigerlich abhängt, wurde uns immer wieder warnend vorgetragen. Und damit Planung und Bau einer derart komplexen Anlage und deren jahrelanger Betrieb reibungslos funktioniert, muss man sehr sorgfältig einen erfahrenen und verlässlichen Partner suchen.

Unter dem Strich scheint es durchaus vernünftig zu sein, einen großen Wellness – und Erholungsbetrieb neben unser Badezentrum zu bauen der die Sanierungs- und Wartungskosten unseres Sportbereichs quersubventioniert und vielleicht sogar eine gewisse Gewinnbeteiligung abwirft. Er sorgt damit für Planungssicherheit, solange die gestressten Menschen Gesundheit, Erholung oder auch Wellness anstreben müssen und bezahlen können. –sei-


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