Die Krankenhäuser verfolgen mich bis in den Traum.

 

Wir hatten am Abend lange über die Zukunft unserer Krankenhäuser diskutiert. Das HWP-Gutachten schlägt ja, wie mehrfach berichtet, die Verschmelzung der beiden Häuser in Böblingen und Sindelfingen zu einem einzigen Krankenhaus mit zwei Betriebsstätten vor. Die Abteilungen für Innere Medizin, Chirurgie, Traumatologie und Gynäkologie soll es dann nur noch einmal geben. Sie werden auf die beiden Betriebsstätten verteilt.

Auch als ich im Bett war, grübelte ich noch darüber nach, wieso wohl der Herr Landrat und die Mehrheit des Kreisrates für dieses Konzept stimmen, obgleich es viele medizinische Nachteile besonders für die Schwerkranken hat.

Als mir die Augen zugefallen waren, hatte sich die Szene verwandelt. Ich träumte, ich sei zuständig für ein großes und komfortables Hotel in Sindelfingen. Mein Gesprächspartner war ein Hotelier aus Böblingen, der nicht nur dort eines schönes, gut geführtes Haus hatte, sondern auch noch je ein kleineres in Leonberg und Herrenberg. Er hatte sich von einem angeblichen Experten für ein Organisationsmodell begeistern lassen, das viele Synergieeffekte versprach, und wollte mich dafür gewinnen.

„Wir verschmelzen die beiden Hotels in Böblingen und Sindelfingen zu einem großen Hotel mit zwei Betriebsstätten“ sagte er. Man müsse dann den ganzen teuren Komfort nur einmal anbieten. Zum Beispiel könne man die Frühstücksbüfetts und die Saunen zusammenfassen und in Sindelfingen lokalisieren, dann spare man das Personal in Böblingen. Im Gegenzug würde man Schwimmbad, Fitnessabteilung und die Hotelbar in der Böblinger Betriebsstätte vorhalten.

Ich versuchte, mich in einen Hotelgast hineinzudenken: „Was ist, wenn sich nun ein Gast im Böblinger Hotel am Frühstücksbüfett bedienen möchte, das dann ja in Sindelfingen steht?“ „Notfalls fahren wir ihn dann nach Sindelfingen rüber“, meinte mein Gesprächspartner. „Aber gewöhnlich können wir unsere Gäste, wenn sie abends in der Hotelbar gewesen sind, am anderen Morgen überzeugen, dass es heißes Wasser, ein Teebeutel und eine saure Gurke auch tun.“

Ich war noch nicht ganz überzeugt: „Es wird für uns in Sindelfingen teuer, wenn die Gäste aus dem Sindelfinger Hotel jedes Mal zum Schwimmen in die Böblinger Betriebsstätte gefahren werden müssen.“ Der andere wies das weit von sich: Man werde sie dann darauf hinweisen, dass sie doch ein Komfortzimmer buchen könnten. Da könnten sie in der Badewanne voll im Wasser untertauchen, und das sei für ein Routinevergnügen doch wohl ausreichend. Notfalls käme der Bademeister von Böblingen rübergefahren.

„Und wenn einer anschließend in den Fitnessraum möchte?“ hakte ich nach. „Das macht man demnächst telematisch“. Ich staunte über seine Fachkenntnisse. Aber ich zweifelte dann doch, ob Übungen vor dem Fernsehschirm das Erlebnis in der Gruppe ersetzen können.

Da die wirtschaftliche Situation vermutlich immer schwieriger wird, fragte ich, ob es nicht noch billiger werden könne, wenn man seine beiden kleinen Hotels in Leonberg und Herrenberg in das Umstrukturierungsprogramm mit einbeziehen würde? Beschwörend hob er seine Hände und wehrte ab. Die beiden Hotels hätten sehr jähzornige Nachbarn, die würden gewaltigen Krach schlagen, wenn man in ihrem Bereich irgendwelche Maßnahmen beginnen würde.

Aber ich solle mir keine Sorge darüber machen, dass man dadurch finanzielle Probleme bekommen könne, versuchte er mich zu beruhigen. Man sei schließlich in einer großen Holding mit dem Namen „Kreisumlage“. Durch die würden alle Verbindlichkeiten wieder ausgeglichen.

Schweißgebadet wachte ich auf und fragte mich, ob ich erleichtert sein sollte, dass derartige Organisationsstrukturen wenigstens nur für die Krankenhäuser und nicht auch noch für unsere Hotels geplant werden.

Prof. Dr. Wolfgang Seidel (Leserbrief in der SZ/BZ Febr. 2003)


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